Ernst Middendorp & Arminia Bielefeld

JahrhundertTrainer

Interview mit Manfred "Turbo" Lonnemann

Manfred Lonnemann
Es ist uns eine große Ehre mit Manfred Lonnemann einen langjährigen Weggefährten von Ernst Middendorp für unser erstes großes Jahrhunderttrainer.de-Interview gewonnen zu haben.

Manfred Lonnemann
wechselte 1988 nahezu zeitgleich mit Ernst Middendorp von Eintracht Nordhorn zur Bielefelder Alm. Sehr schnell spielte sich der unermüdliche Stürmer in die Herzen der Zuschauer. Vorne schoss er viele Tore und wenn es hinten mal brannte, war er ebenfalls zur Stelle. Er ging lange Wege, er kämpfte um jeden Grashalm, ließ den Ball nie aus den Augen, zeigte stets Wille und Einsatzfreude. Schnell avancierte er zum Publikumsliebling, alsbald wurde er "Turbo" getauft, andere nannten ihn die personifizierte Pferdelunge!

Er war Mitglied der fantastischen Oberligamannschaft, die über zwei Jahre hinweg brillanten Offensivfußball zelebrierte und zweimal denkbar unglücklich am verdienten Aufstieg in die 2. Bundesliga scheiterte. Legendäre Spiele, ob Münster, Rheine, Paderborn oder Oldenburg - er war dabei. Mit damals knapp 24 Jahren war er schon einer der älteren Spieler der jungen "No-Name" Truppe, die Trainer Ernst Middendorp aus der Region rekrutierte. 1989 wurde Manfred Lonnemann zum Kapitän ernannt und spielte bis Ende 1991 auf der Alm, bevor ihn eine schwere Verletzung seine Karriere beenden ließ. Sein Platz in den Geschichtsbüchern des DSC war dem 26fachen Torschützen da aber schon sicher.

Später wurde er Co-Trainer unter Ernst Middendorp beim FC Gütersloh und betreute als Chefcoach erfolgreich den SC Herford, wo ihm der Aufstieg in die Oberliga Westfalen gelang. Inzwischen ist der sympathische Maschinenbauingenieur stolzer Vater von zwei Söhnen und hat sich mit seiner Familie in Steinhagen bei Bielefeld niedergelassen. Als Armine durch und durch spielt er heute noch für die Traditionsmannschaft und geht regelmäßig daumendrückend auf die Alm. Bei uns blickt Manfred Lonnemann exklusiv auf seine intensive Zeit bei Arminia Bielefeld zurück.


Manni, wie ist es zu deiner Liaison mit Arminia überhaupt gekommen?

Bevor ich zur Arminia gekommen bin, habe ich bei Eintracht Nordhorn in der Verbandsliga Fußball gespielt unter Ernst Middendorp, der dann zur Arminia gewechselt ist noch zu Zweitligazeiten (Anm.: April 1988). Ich hatte zu der Zeit noch weiter mein Maschinenbaustudium bis zum Sommer 1988 zu Ende gebracht.

Wie hast du den Wechsel von Ernst Middendorp zur Arminia erlebt?

Da bin ich irgendwann morgens zum Auswärtsspiel in den Bus gestiegen, habe gefragt wo der Trainer ist, und es hieß vom Vorstand, Ernst sei nun in Bielefeld. Da habe ich mich gefragt, was macht er da denn? (lacht) So sind wir als Mannschaft dann dahinter gekommen, dass wir auf den Ernst verzichten müssen.

Und im Sommer 1988 hat Dich Ernst Middendorp dann nach Bielefeld in die Oberliga Westfalen geholt.

Unsere Saison ging zu Ende und irgendwann hat er mal angerufen und gefragt: „Sag mal, willst du nicht nach Bielefeld kommen?“ Dann bin ich hier mal mitten in der Woche hingefahren, Ernst hat mir das Stadion gezeigt, und wir haben mit dem Vorstand gesprochen. Da ich aus dem Emsland komme, gab es natürlich die Überlegung, wo gehst du deinem Beruf nach? Es war klar, dass man noch einen Beruf ausübt. Da habe ich mich praktisch innerhalb von zwei Tagen entschieden, nach Rückmeldung mit meiner Freundin und meiner Mutter, und gesagt: „Du, ich geh jetzt nach Bielefeld.“ So ist das ganze entstanden, mehr oder weniger so von jetzt auf dann! Bauchentscheidung und fertig.

Hast du dir den Sprung wirklich zugetraut? Arminia hatte damals trotz des Zweitligaligaabstieges einen großen Namen und wenige Jahre zuvor regelmäßig vor bis zu 35.000 Zuschauern in der 1. Bundesliga gespielt.

Ich hatte Ernst natürlich vorher gefragt: „Wie schätzt du das ein, du kennst mich jetzt, weißt so etwa was ich kann.“ Weil die Nummer 23 oder 24 musste es auch nicht sein. Und da hat er gesagt, dass ich eine ganz reelle Chance habe, ganz klar, und dass er mich nicht ganz hinten dran sieht. Wir hatten dann eine lange Vorbereitung und je fitter ich wurde, desto mehr habe ich gemerkt, dass ich immer näher herankomme.

Die Spieler, die Ernst Middendorp damals zur Alm geholt hatte, waren ja alle sehr jung, unbekannt und aus unteren Ligen stammend. Viele hatten euch nicht viel in der Oberliga zugetraut, und zum Saisonauftakt 1988/89 stellte sich ausgerechnet Bundesligist und Pokalfinalist VfL Bochum im DFB-Pokal auf der Alm vor, was ihr aber fabelhaft lösen konntet (0:0 n. V.).

An das Spiel kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. Elfmeterreif wurde ich da gefoult, ich war einschußbereit! Von Rob Reekers, das werde ich nicht vergessen, hätte er eigentlich pfeifen müssen! Wir hatten nichts zu verlieren. Pokalspiel, da geht man als krasser Außenseiter rein und im Mittelpunkt stand eher, wie funktionieren wir als Mannschaft, dass man da mal Erfahrungen sammelt, weil wir waren praktisch elf Neue, nur Wolfgang Kneib und „Erich“ Ridder kannten sich von der Abwehr her. Es ging fast wirklich nur darum sich gut zu verkaufen, sich reinzubringen, Stammplätze zu erkämpfen und sich untereinander abzustimmen. Normal bekommt man in so einer Partie vier oder fünf Stück, aber mit der Kulisse im Rücken haben wir ein sauberes Spiel abgeliefert. Das hat dann auch dazu beigetragen, dass wir eine breitere Brust gekriegt haben für die Saison.

Kurze Zeit später ging es dann zum TuS Brake im Kreispokal auf Asche (!) vor 300 Zuschauern. Wie hast du diesen krassen Gegensatz empfunden?

Keine Ahnung, da war ich nicht mit! (lacht)

Doch, du warst dabei, dein Name taucht in der Mannschaftsaufstellung auf.

Ne, dann habe ich das verdrängt und habe keine Erinnerung mehr dran. Die Pokalspiele in Wellensiek, und besonders Dornberg, weiß ich noch. Danach haben wir noch ein Straftraining in der Radrennbahn gemacht, weil wir zwar gewonnen haben, aber Ernst passte das Engagement und das Ergebnis nicht ganz so in den Kram. Das sind Themen über die wir heute noch sprechen, ich glaube wir haben bis in die Nacht hinein trainiert. An dem Tag bin ich umgezogen, konnte leider nicht helfen (lacht), weil ich die zweite und dritte Schicht auf dem Trainingsplatz absolvieren musste!

In dieser Saison gab es drei tragische Niederlagen. Eine davon war das Wiederholungsspiel im DFB-Pokal beim VfL Bochum (1:4 n. V.)

Da haben die uns so einen reingepfiffen, ganz einfach. Wir haben lange und gut verteidigt und dann hat in der Nachspielzeit der Leifeld sich da hingeschmissen, ne Schwalbe gemacht und der Schiri gepfiffen. Es war für jeden ersichtlich, dass es auf jeden Fall kein Foul war. Wir hatten uns sehr gut verkauft, die Münsteraner saßen auf der Tribüne, haben sich das ganze auch angesehen, weil wir, glaube ich, drei Tage später in Münster gespielt haben. Wir haben das aber relativ schnell weggesteckt, das war ein ziemlicher dynamischer Ablauf. Wir haben zwar einen mitgekriegt, aber dann auch gleich wieder nach vorne geguckt und sind mit dem Trost rausgegangen, vernünftig bei einem Erstligisten mitgespielt zu haben.

Ihr habt euch wirklich erstaunlich schnell erholt und dann in Münster auch 1:0 gewonnen!

Richtig, ich denke, dass die uns an dem Tag auch einfach unterschätzt hatten. Die haben wohl gedacht, dass wir das nach den 120 Minuten kräftemäßig nicht nochmals hinbekommen. Und Münster war zu dem Zeitpunkt auch noch nicht so in Tritt, wie sie es hinterher waren. Es hätte auch Unentschieden ausgehen können, wir hatten an dem Tag auch etwas Fortune, das Glück, was uns in Bochum fehlte, hatten wir hier drei Tage später. Die waren danach auch etwas weg vom Fenster, aber wir haben auch nicht so wirklich auf die Tabelle geguckt. Natürlich ist es wichtig solche Spiele zu gewinnen, aber wohlwissend, dass so eine Saison auch superlang ist, da muss man vorsichtig sein.

Danach hattet ihr viele tolle Spiele gezeigt, 5:1 gegen Herne, 8:0 gegen Marl, usw., und seid  als Spitzenreiter in die Winterpause gegangen. Doch die Preußen kamen immer näher und stellten sich zum Gipfeltreffen im März 1989 auf der ausverkauften Alm vor. Arminia hatte zu diesem Zeitpunkt noch drei Punkte Vorsprung und Ernst auf Sturm gestellt. Es ging mit 1:3 leider daneben.

Das habe ich gar nicht mehr so direkt vor Augen, wie groß der Abstand war. Wir sind Risiko gegangen, ganz klar. Unterm Strich muss man aber sagen, dass an dem Tag die anderen einfach besser waren. Zwei Knackpunkte aus meiner Sicht: Einmal, dass du früh in Rückstand gerätst und das du den Elfmeter nicht rein ballerst. Aber wenn der Elfmeter sitzt, steht es 1:1 zur Halbzeit, hast du ne breitere Brust und 18.000 da, davon 15.000 für uns, dann kann man das Spiel anders angehen.

Elfmeter habt ihr in der Spielzeit aber reichlich verschossen.

Ja, in der Saison haben wir bestimmt sechs oder sieben verschossen, natürlich viel zu viele. Ich hatte auch wo einen, den ich erst im Nachschuss verwandeln konnte. Insbesondere der gegen Münster war richtig bitter, weil er einfach so richtungsweisend war. So läufst du einem Rückstand hinterher und dann hast du ein Problem gegen so eine abgebuffte Truppe. Die waren im Schnitt erfahrener, waren älter und haben diese Art von Situationen schon häufiger gespielt. Aber zu spät war es für uns ja noch nicht.

Bis zum Schluss ging es Kopf an Kopf weiter. Am letzten Spieltag wurdet ihr beim VfB Rheine begleitet von rund 10.000 Bielefelder Fans. Die 1:2 Niederlage dürfte eine der bittersten in der Vereinsgeschichte sein. Was war los?

So im Nachhinein würde ich sagen, haben uns so ein, zwei ältere Spieler über die Saison insgesamt gefehlt, die solche Situation schon kennen. Wenn man das mit z. B. mit Münster oder dem späteren Aufstieg von Arminia vergleicht. Vom Kopf her, vom Können her, war das alles ok. Aber das man dann auch mal so ein brisantes Spiel anders angehen muss, sich auch mal wo anlehnen kann. Später waren Thommy von Heesen, Fritz Walter, Armin Eck da, welche die entsprechende Erfahrung mitbrachten. In dem Spiel war es leider auch so, dass wir so ein blödes Kopfballtor kassierten. Wir sind nie so richtig ins Laufen gekommen, weil die auch superhart gespielt haben. Der Druck von außen, die Kulisse von außen, die viele von uns in der Form noch nicht kannten. Das war vielleicht etwas zu viel des guten, hatte uns etwas gelähmt. Ich denke, das war ausschlaggebend, die mangelnde Erfahrung und der Druck das Ding unbedingt gewinnen zu müssen. Informiert war man ja nicht, was Münster in Verl machte.

Genau, ein Punkt in Rheine hätte euch für die Westfalenmeisterschaft gereicht, Münster spielte in Verl nur 0:0.


Das haben wir nicht gewusst und ich glaube wir hatten in der 88. Minute zum Schluss hin noch eine riesige Torchance zum Ausgleich, jemand schmiss sich dazwischen, Wahnsinnstat. Dieser eine Schuss Routine fehlte dann leider, das cooler, routinierter runterzuspielen, einfach noch effektiver zu sein.

Ernst Middendorp kam ja aus Rheine, im Hinspiel gab es die Bierdeckel-Attacke auf den Rheiner Torhüter. Spielte das auch eine Rolle?

Sicherlich, das wurde vorher auch noch aufgebauscht, so dass die nochmal heißer waren, da kam sicher das eine zum anderen, aber wir haben in dem Spiel nie zu unserer eigentlichen Form gefunden. Nach dem Saisonverlauf musst du das eigentlich sauber gewinnen! Natürlich waren wir sehr enttäuscht und haben es verdrängt. Jahre später hat man angefangen darüber nachzudenken. Viel, viel später....

Für so eine junge Mannschaft waren die angesprochen drei Niederlagen schon sehr bitter.

Es waren ja nur drei, dass sind ja nicht viele, eigentlich. Aber sie waren schon sehr extrem. Wir hatten extreme Siege gefeiert, hatten aber auch diese extremen Niederlagen gehabt. Es war eigentlich nie so der Mittelweg, es war immer restlos extrem. Wenn ich jetzt das Bochum Spiel sehe, dann das Münster Spiel sehe, dann wieder 5:1 Herne oder Wattenscheid 6:1, das hat man normal nicht. Wenn ich dann die Vorkommnisse in Rheine sehe im Heimspiel, dann fährst du dahin vor fast 15.000, auch extrem. Und dazwischen gab es wenig.

Das hatte doch auch sicherlich etwas mit Trainer Ernst Middendorp zu tun.

Sicher, es war auch irgendwo ein Spiegelbild von unserem Trainer, dieses Extreme. Da gab es ja nie den zweiten oder dritten Gang, es gab den schnellsten Gang oder den ersten. Es war schon ein Abbild von Ernst würde ich sagen!

Turbo und Fummel
Die Saison 1989/90 darauf hattet ihr einen neuen Anlauf unternommen, Ernst Middendorp wieder prima eingekauft. Negativerlebnisse wie in der Vorsaison gab es so gar nicht, ihr seid ziemlich durchmarschiert. Gütersloh 7:0 geschlagen und dann den Tabellenzweiten Paderborn mit 6:1 aus dem Stadion gefegt. Wieder Spitzenspiel, wieder ausverkauft. Das Münsterspiel war aus dem Köpfen raus?

Ich muss sagen, ich habe da nicht so groß zurückgeguckt oder darüber nachgedacht ob es schiefgehen könnte. Aus Paderborn kamen ein paar forsche Töne. Wir waren schon gewarnt und haben gewusst, dass die einen breiten, sehr guten Kader haben. Und dementsprechend sind wir konzentriert ins Spiel reingegangen, ganz einfach.

Ab der Saison warst du ja auch Kapitän der Mannschaft. Hatte der Trainer dich dazu ernannt?

Ja, Ernst hat damals irgendwann gesagt: „Manni, du machst das!“ Oder willst du das machen, da hab ich gesagt: „OK, ich kann das machen.“ Das war kein Problem, das hat er bestimmt, und dann hatten wir mit Kneib, Stratos und mir sicherlich so etwas wie einen Mannschaftsrat.

Verloren hattet ihr in der Serie nur ein Spiel in Sölde. Wurdet ihr vielleicht nicht so gefordert, dass euch etwas dann in der Aufstiegsrunde gefehlt hat?

Das kann ich so nicht sagen, gefordert wurden wir überall. Wenn du mit Arminia Bielefeld, Ex-Bundesligist, damals irgendwo aufgetreten bist, waren die Gegner immer heiß, du musstest immer 100% geben. Jeder wollte uns schlagen und da bist du auch immer gefordert worden, ganz klar.

Bei den Auswärtsspielen bekamt ihr ja immer reichlich Unterstützung. Rund 2.000 Fans fuhren zu jedem Spiel mit und auch auf der Alm war immer kräftig was los, die Zuschauer da!

Das hing auch damit zusammen, dass immer offensiv gespielt wurde. Risikobereitschaft war da, Einsatzbereitschaft war da, eine junge dynamische Truppe war da, das wollten die Zuschauer sehen! Und das wir nicht so abgehobene Leute waren, dass die Fans sich da auch einfach wiedergefunden haben. Mit dieser Art Fußball zu spielen, sich da auch reinzuhängen, dass die Fans schon verstanden haben, dass da eine ehrliche, korrekte Leistung angeboten wurde.

Nach der Westfalenmeisterschaft seid ihr prima in die Aufstiegsrunde gestartet, habt viele gute Spiele gezeigt, doch am Ende langte es nicht. Der erste Rückschlag war beim Heimspiel gegen Oldenburg (2:2).

Ja gut, die hatten auch eine Qualität. Wenn die drei Torchancen haben, machen die zweie rein. Ich habe es so in Erinnerung, es waren mit Oldenburg und Arminia zwei sehr gute Mannschaften zu Recht in dieser Aufstiegsrunde dabei und haben auf der Alm ein superschnelles Spiel abgeliefert. Ein super interessantes, super einsatzfreudiges, auch ein sehr faires aus meiner Sicht. Das waren zwei Mannschaften auf Augenhöhe, die besten in dieser Runde, das spiegelt sich auch im Ergebnis wieder. Wir waren auch besser als Havelse oder so. Gut, hat am Ende nicht gezählt, weil ja viele Partien gespielt wurden. Für mich kann ich aber sagen, Oldenburg war wohl das schnellste Spiel, was ich auf der Alm mit Arminia je gemacht habe. Vor so vielen Zuschauern, mit der Brisanz, ein tolles Match!

Danach gab es die Niederlage in Havelse (2:3) und so mancher Spieler schien nicht so ganz bei der Sache zu sein, Stichwörter Abwerben & Profiklubs. Anschließend botet ihr wieder ein tolles Spiel auf der Alm mit dem 3:0 gegen Wuppertal, unvergessen der Heber von Roland Kopp. Wie war dein Zusammenspiel mit ihm?

Auch extrem, wie gesagt (lacht). Roland war in der Saison in einer herausragenden Form, ich habe mich mit ihm auf dem Platz blind verstanden. Ich wusste, wo ich hinzulaufen habe. Ich wusste, dass er vorbeikommt. Ich wusste, dass er die Dribblings gewinnt. Er hat dann schon gesehen, wo die freien Räume sind. Wir beide waren schon sehr gut aufeinander abgestimmt auf dem Spielfeld.

Beim Heimspiel gegen Reinickendorf (0:0) kam es ja zum Eklat, weil die sich in eurer Hälfte vor Block 3 warmmachten und ihr dann auch! Da kam es schon vorab zu kuriosen Szenen auf dem Platz.

Reine Provokation! Und da sie abgeschlagen waren, haben sie hinterher einfach nur noch getreten! Die waren Mann gegen Mann gestellt und nur darauf aus hier Stress zu veranstalten, haben dann auch sehr hart und teilweise sehr unfair agiert. Vor dem wichtigen Rückspiel in Oldenburg hatten wir dann ziemlich viele Blessuren gehabt. Ich bin zur Pause runter, weil der Rücken einfach kaputt war. Da ist mir einer 45 Minuten nur hinterhergelaufen, bis er mal die Chance hatte mir richtig einen reinzupicken, und das ist dann auch erledigt worden. Damals gab es ja noch andere Möglichkeiten einzusteigen und mit einer gelben Karte bestraft zu werden. Heute wäre so etwas tiefrot gewesen!

Ein paar Tage später in Oldenburg habt ihr wieder eine gute Partie geliefert und sehr unglücklich verloren.

Absolut! Es war ein offenes Match, für mich wieder ein Unentschiedenspiel. Ich bleibe dabei, Oldenburg und wir waren die stärksten Mannschaften. Oldenburg hat gegen uns drei Punkte geholt, sind demnach völlig zu Recht aufgestiegen. Ich habe damals durchgespielt, war für die Konter zuständig an den Tag, und Gerri Meinke ist glaube ich ausgewechselt worden. Im Nachhinein muss ich sagen, er hätte drinbleiben müssen aufgrund seiner Kopfballstärke. Hinterher ist man dann schlauer! Thomas Möller hat dann das Kopfballtor gemacht, dann war das Thema fast durch und wir haben kurz vor Schluss komplett aufgemacht und noch das 0:2 kassiert. Das war aber nur Kosmetik.

Gegen Havelse (mit Trainer Volker Finke) auf der Alm ging es dann um die letzte Chance!

Da lagen wir nach einer Minute schon hinten! Das war auch so eine Situation, wir haben dann aber schnell 2:1 geführt, gut gespielt, und später wieder ein dämliches Tor kassiert. Nach zig Jahren kann man sagen, wenn man zuhause zwei Tore kassiert gegen einen Gegner, der nicht so stark ist wie wir selbst, dann hat man es unterm Strich nicht verdient. Es war zwar superärgerlich, und heute kann ich so ganz locker darüber reden, wenn ich aber zurückblicke muss ich sagen: „2:1 musst du halten!“ Wir haben gegen Oldenburg und Havelse jeweils drei Punkte gelassen und das war dann einfach zu viel. Insbesondere gegen Havelse, weil die eindeutig vom Kader her und auf Sicht gesehen nicht so stark waren wie wir. Besonders das Spiel in Havelse war von den Spielen der Aufstiegsrunde das eklatanteste, wo wir nicht gut drauf waren und zu Recht auch verloren haben. Das waren die Punkte, die fehlten, um eine ganz andere Ausgangsbasis zu bekommen.

Das war das zweite knappe Scheitern am Thema Profifußball. Überlegst du da nicht manchmal, was wäre gewesen, wenn ....

Wir alle hätten es super gerne gemacht, obwohl einige Stimmen aufgekommen sind, ach die wollen gar nicht so richtig. Das ist völliger Quatsch! Alle die im Kader drin waren wollten Profifußball. Über die Hälfte im Kader hatten ganz konkrete, sehr gute Profi-Angebote. Das war vielleicht auch ein Grund, dass man in der Aufstiegsrunde punktuell nicht ganz so konzentriert war. Es gab etwas Unruhe auf der Tribüne und neben dem Platz. Das kann man nicht so ganz ausblenden, war auch wieder eine neue Situation für uns, und sicherlich nicht förderlich. Da kommt alles hinzu, die komplette Bandbreite.

Nun kam das dritte Oberligajahr 1990/91 und Arminia hatte nach dem Nichtaufstieg viele Abgänge zu verzeichnen. Auch ein Ernst Middendorp konnte nicht nach Belieben laufend aus dem Nichts Top-Spieler verpflichten.

Richtig, es konnte nicht so weitergehen. Diese ganzen Abgänge, welche Mannschaft kann das kompensieren? Wenn sechs oder sieben echte Stammspieler gehen? Das da erst mal ein neuer Anfang gemacht werden muss, ist völlig klar.

Die Spiele waren dann auch entsprechend holprig, Arminia fand sich bald im Mittelfeld der Tabelle wieder, die Zuschauer blieben fern und das neue Präsidium wurde unruhig.

Ich denke, dass es von den Ergebnissen her nachzuvollziehen ist, wenn so viele gestandene, gute Leute in den Profifußball wechseln und ihre Qualität nachgewiesen haben. Dann war da einfach ein Aderlass vorhanden, den man in der Kürze der Zeit so nicht kompensieren konnte. Man hat hier natürlich zwei Jahre lang tollen Fußball gespielt und angeboten, so war natürlich die Erwartungshaltung da. Aber sauber dagegen zu steuern und zu sagen: „Leute, macht mal halblang“, ist in der Form leider auch nicht passiert. Dieser schnelle, dieser dynamische, qualifizierte Fußball, würde in diesem Jahr leider nicht möglich sein. Das hat man dann erkannt und so kamen die Unmutsäußerungen, was auch in Ordnung ist.

Nach dem 10. Spieltag musste Ernst Middendorp als Bauernopfer herhalten und wurde beurlaubt. Was meinst du dazu?

Ich glaube einfach, dass der Kader nicht mehr hergegeben hat. Wenn man so viele Spieler gehen lässt, ist das nicht zu kompensieren. Spieler wie Stratos, Eigenrauch oder Golombek waren nicht zu ersetzen. Es wurden einige falsche Entscheidungen getroffen, wie diese Trainerentlassung. Wobei ich sagen muss, Ernst hin oder her, ich bin überhaupt kein Freund von diesen schnellen, übereilten Trainerentlassungen und dann hole ich mal schnell den nächsten, da komme ich doch nur unter Zugzwang. Man muss realistische Einschätzungen bringen, zum Kader, zum Trainer, was wirklich möglich ist und die dann auch in Ruhe arbeiten lassen. Erkennt man Schwachpunkte, muss man auch mal nachlegen, aber mit Sinn und Verstand, und ohne diesen hektischen Aktionismus.

Manfred Lonnemann
Du musstest Ende 1991 deine Karriere nach einer schweren Knieverletzung mit 28 Jahren leider vorzeitig beenden. Gab es ein weinendes Auge bei dir, als Arminia Mitte der 90er zum Durchmarsch unter Ernst Middendorp startete? Du hättest noch locker dabei sein können!

Ne, überhaupt nicht! Ich hatte mich riesig gefreut, insbesondere über den ersten Aufstieg in Neunkirchen in die 2. Liga, das war einfach so: "Jawoll!" Da habe ich mich als Armine gefühlt, mich für die Mannschaft, für Ernst, für Günther Neundorf gefreut. Ich weiß ja wie verrückt die alle sind, es war reine Freude! Aber kein weinendes Auge oder so, wir hatten ja auch unsere Chance gehabt. Das schönste Erlebnis war dann als Fan, als ganz interessierter Fan, diesen Aufstieg zu erleben, dieses Glücksgefühl, weil ich auch wusste, wie hart Ernst und die anderen dafür gearbeitet hatten. Viele, viele gute Leute sind mit diesem Aufstieg belohnt worden. Diesen ersten Aufstieg kann man gar nicht hoch genug bewerten!

Wie hast du deine Zeit bei Arminia Bielefeld rückblickend empfunden?

Ich sehe meine Zeit bei Arminia sehr positiv. Ich habe hier jetzt durch diesen Zufall, dass der Ernst mich angesprochen hat, praktisch mein Zuhause gefunden. Es war wirklich ein glücklicher Umstand und rückwirkend mit die schönste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Und ich habe heute noch so viele gute Kontakte zum Verein, zu den Spielern, die damals hier waren. Es gab Phasen, wo ich selber Trainer war, da konnte ich nicht so häufig ins Stadion gehen, aber ich gehe heute sehr gerne hin. Das ist mein Verein, ich bin nach wie vor ein ganz großer Fan, fühle mich total heimisch an der Stätte. Ich musste zwar etwas zu früh aufhören, aber das ist das Leben. Es war einfach eine superschöne Zeit und ich freue mich, dass Arminia noch 1. Liga spielt. Gerade auch die Kontakte, wenn man sich im Stadion wieder sieht, oder die Kollegen, wenn man sich von der Traditionsmannschaft wieder trifft, das kann ein Spiel sein, das kann ein Training sein Mittwochs da hinter der Alm, das sind einfach schöne Sachen. Ich habe hier ganz viele gute, auch echte Freunde, kennen gelernt. 

Arbeitstechnisch, und privat, bist du ebenfalls noch im Raum Bielefeld unterwegs.

Ich mache immer noch das, was ich damals gelernt habe. Ich übe meinen Beruf als Maschinenbauingenieur in Brackwede bei Thyssen aus. Obwohl wir im Moment eine schwierige Zeit haben, macht es mir sehr viel Spaß im Bereich Automobilzulieferer tätig zu sein. Auch hier bin ich Bielefeld treu geblieben. Privat habe ich mich mit meiner Familie häuslich in Steinhagen niedergelassen. Wir fühlen uns hier pudelwohl. Meine beiden Söhne gehen auch sehr gerne mit ins Stadion, wenn Arminia spielt, da kommen keine anderen Vereine in Frage! 

Das ist doch ein wunderbares Schlusswort. Jahrhunderttrainer.de bedankt sich ausdrücklich für dieses tolle Interview, vielen Dank Manfred Lonnemann!

Gerne! Nebenbei, den Begriff Jahrhunderttrainer.de, das finde ich klasse. Das vergisst man nicht. Das ist so ein Wort, das hörst du einmal und du weißt Bescheid! (lacht)
www.Jahrhunderttrainer.de